Der Comic-Kubismus

Zu Beginn der 90er Jahre begann ich mit kubistischen Malereien, die an die Ästhetik von Comic-Strips erinnerten. Später, im Jahr 2004 wurde daraus eine ganz eigene Stilrichtung, nämlich der „Comic-Kubismus.”

© Diethard Sohn
The Last Supper, Diethard Sohn 2005 Acryl auf Baumwolle ca. 90 x 75 cm
(Dieses Bild entstand während meines zweijährigen Aufenthaltes in Jakarta. Es wurde dort von einem Kunstsammler gekauft und verblieb in Indonesien. Insgesamt verblieben 38 Bilder dort in unterschiedlichen Sammlungen.)

Es war im Jahr 2004 in der Galerie Durruti. „Von der Wand in die Hand“, eine jener damals allgemein recht beliebten Aktionsausstellungen bei Willy Durner.
Wie immer nahmen an dieser Spaßaktion mehrerer Stuttgarter Künstler teil, und wie immer quetschten sich viele Gäste in den kleinen Räumen.
Fred Feuerbacher aus Stuttgart war gekommen um die Ausstellung mit einer kleinen feierlichen Rede zu eröffnen. Fred Feuerbacher war es, der den Begriff „Comic – Kubismus“ ins Leben rief.

Seither ist der „Comic – Kubismus“ ein Begriff, ein Name für die Stilrichtung meiner Malerei.

Wurzeln des Comic-Kubismus

Der Comic zeichnet sich durch die Mittel von Linie und Fläche aus, wobei der Raum ebenfalls durch die Fläche definiert wird.
Die plakative Wirkung wird zusammen mit dem synthetischen Kubismus, der gleichzeitigen und überlagerten Darstellung unterschiedlicher Ansichten oder Perspektiven, genutzt, um kontrastreiche Aussagen über das Motiv oder Erlebnisse zu treffen. Das Motiv wird zu einer bildhaften Symbiose aus alltäglichen Erlebnissen und Träumen sowie aus Linien, Farben und Strukturen.

“Man hat den Kubismus mathematisch, geometrisch, psychoanalytisch zu erklären versucht. Das ist pure Literatur. Der Kubismus hat plastische Ziele. Wir sehen darin nur ein Mittel, das auszudrücken, was wir mit dem Auge und dem Geist wahrnehmen, unter Ausnützung der ganzen Möglichkeiten, die in den wesenhaften Eigenschaften von Zeichnung und Farbe liegen. Das wurde uns eine Quelle unerwarteter Freuden, eine Quelle der Entdeckungen.“

Pablo Picasso
Das Duttenkragentier, Diethard Sohn 2017 Acryl und Öl auf Baumwolle ca. 70 x 80 cm

Kaugummi und Coca-Cola

Meine Kindheit in den 60er Jahren war wie die so vieler anderer unserer Generation geprägt von Comic-Figuren, der Pop-Art, von Kaugummi und Coca-Cola. Doch während andere Kinder sich in der Schule mit Englisch, Latein oder Physik plagten, nutzte ich jede Minute meiner Schulzeit um zu zeichnen, und zwar Comics.

© Diethard Sohn 2018
Die Stummen Zeugen, Diethard Sohn 2017 Acryl und Öl auf Leinwand ca. 110 x 140 cm

Ich kopierte aber nicht einfach Donald Duck, Micky Maus oder Superman, sondern entwickelte von Anfang an meine eigenen Figuren und Geschichten.

Realismus und Abstraktion

Später wurden diese zum Teil so abstrakt, dass schliesslich keine ganzen Figuren mehr erkennbar waren, sondern lediglich die Linien und Formen an Comic erinnerten.

© Diethard Sohn
Rambutan, Diethard Sohn 2005 Acryl auf Baumwolle ca. 100 x 110 cm

Während meines Studiums an der Merzakademie zeichnete ich dann auch Figuren wie z.B. Tick, Trick und Track oder Donald Duck für Kinowerbespots. Das war eine recht lukrative Wochenendarbeit. Diese Arbeiten bekannter Comic-Figuren blieben aber die Ausnahme.

Zu dieser Zeit entstanden auch viele mystisch und surreal anmutende Bleistiftzeichnungen sowie etliche Naturstudien.

Erste comic-kubistischen Bilder

Anfang der 90er Jahre malte ich dann meine ersten comic-kubistischen Bilder. In ihnen nahm nicht mehr die Figur die Hauptrolle ein, sondern vielmehr das Wechselspiel der unterschiedlichen Perspektiven, der farbigen Flächen, der Linien und Strukturen.

Tango Danca Diethard Sohn 2011 Acryl auf Baumwolle ca. 120 x 140 cm

Vorbilder und Inspiration

Letztlich haben mich selbstverständlich auch Kubisten wie Georges Braque, Pablo Picasso, Robert Delaunay, Fernand Léger, Marcel Duchamp dazu inspiriert den Kubismus zu neuem Leben im Hier und Jetzt zu erwecken. Und es waren eben auch Maler wie Henry Matisse oder Max Beckmann, Hans Arp oder Frank Stella, die neben diesen Vertretern des Kubismus, den allgegenwärtigen Comics meiner Kindheit und der damals aufkommenden Popart, ihre Spuren in meinem ästhetischem Bewusstsein hinterließen.

Ganz besonders aber prägte mich eine Reise nach Dubrovnik Anfang der Neunziger Jahre. Zu der Zeit tobte im ehemaligen Jugoslawien ein schlimmer Krieg. Damals war ich angetrieben von der Idee dem ganzen Farbe, Licht, Linien und Flächen entgegen zu setzen. Und nicht dass was dort passierte in Form von Malerei zu wiederholen.

Heute leben wir im Zeitalter der Information. Wir sind umgeben von Themen und Informationsfraktalen, oft verwirrt von unterschiedlichste Sichtweisen, Standpunkten und Wahrheiten. Ob wir wollen oder auch nicht prasseln viele dieser Informationen gleichzeitig auf unser Bewusstsein ein. Der Comic-Kubismus ist für mich nach wie vor ein Weg diesen Gegebenheiten malerisch und Gegenwärtig zu begegnen.

© Diethard Sohn 2017
Fishplate Diethard Sohn 2018 Acryl auf HDF ca. 30 x 30 cm Vorstudie für das von Müller & Sohn im Palazzo Mora ausgestellte gemeinsam gemalte Bild Fish Vision

Gegensätze ziehen sich an.

Im Gegensatz zum „Comic – Kubismus“ stehen meine hyperrealistischen Portraits, Tierportraits und Quittenbilder, die uns in einen Raum der Ruhe, eine eigene Zeit entführen.

Der gegenseitige Einfluss beider Stilrichtungen aufeinander ist unverkennbar. Erschienen die Comic – Kubistischen Arbeiten zu Beginn noch recht kindlich, wurden sie über die Jahre erwachsen.

Als Beispiel möchte ich hier den in Grisaille gemalten Gitarristen nennen. Deutlich zu sehen auch an dem Bild “Fishplate” (Abb. oben) und der Version im Zusammenhang mit den Projekten „Müller & Sohn“.

Fish Vision (Detail) © Müller & Sohn 2019 @ Palazzo Mora as a Part of the Installation
Fish Vision (Detail) © Müller & Sohn 2019 @ Palazzo Mora as a Part of the Installation

Portraits

© Diethard Sohn
© Diethard Sohn

Das menschliche Antlitz

Das Portrait faszinierte und interessierte mich immer schon. Ich sehe Augen als die Spiegel der menschlichen Seele. Mir ist es wichtig individuellen Ausdruck heraus zu arbeiten.

Tierportraits

© Diethard Sohn
Kuh II Diethard Sohn 2015 Acryl auf Baumwolle ca. 110 x 140 cm
Portrait Peppy, Detail

„Im 16. Jahrhundert entwickelte sich das „Tierstück” zu einem Bereich des Stilllebens; als eines der bekanntesten Beispiele wurde der Feldhase überliefert, ein Aquarell von Albrecht Dürer.“

Wikipedia

Das Wort „Tierstück” obschon natürlich das Bild selbst gemeint, wirkt auf mich wie eine Versachlichung. Wenn ich Tiere beobachte fühle ich das anders. Jedes Tier, jedes Lebewesen ist ein Individuum. In meiner Malerei wird daher das, was wir für gewöhnlich als Stillleben bezeichnen z.B. die Darstellung eines Tieres oder einer Quitte eher zu einem Portrait.

Quittenbilder

Quitte 08 Diethard Sohn 2014 Acryl auf Leinwand 30 x 30 cm
Quitte 07 Diethard Sohn 2016 Acryl auf Leinwand 30 x 30 cm

Im Garten vor meinem Atelier steht ein sehr alter Quittenbaum. So knorrig die Äste des Baumes, so eigenwillig und individuell sind die Früchte selbst. Und genau das ist es, was mich bei der Darstellung der Quitten reizt.

Realismus, Fotorealismus, Hyperrealismus

Im Fotorealismus wird der Gegenstand des Bildes mit einer an Fotos erinnernden Detailgenauigkeit gemalt. In dieser Stilrichtung müssen nicht unbedingt Fotos als Ausgangsmaterial genutzt werden.

Im Hyperrealismus werden Details überhöht, die so in der Fotografie oder mit dem bloßen Auge nicht wahrgenommen werden.

Für mich ist handwerkliche Perfektion eine Selbstverständlichkeit. Dabei ist es unerheblich ob es sich um abstrakte oder gegenständliche Malerei handelt. Für eine realistische Darstellungsweise ist das genaue Hinsehen Vorraussetzung. Form und Farbe erfordern viel Interpretation um das Subjekt entsprechend lebendig und real erscheinen zu lassen.

Das Tangoprojekt

Das Projekt “Tango” begann 2003. Eine erste Ausstellung in diesem Themenbereich wurde im Jahr 2004 gemeinsam mit der Tangotänzerin Brenda Figueroa und Stella Maris Culture in Stuttgart organisiert. Danach entwickelten sich weitere Werke und so wird das Tango – Projekt fortgesetzt.

Tango ist nicht nur ein Tanz, Tango ist das Leben, und die Einstellung zum Leben

Brenda Figueroa (Tänzerin)

Kunst am Bau

Der Gockel

entstand im Zusammenhang eines Architekturwettbewerbes. Es kam die Anfrage eines Architekturbüros im Bereich Kunst am Bau. Zuerst sollte der Gockel nur grob skizziert werden.

Aus der groben Skizze wurde dann diese ca. 140 cm hohe Skulptur. Der erste  Schritt seit längerer Zeit in den Bereich der bildhauerischen Ausdrucksform.

Die Skulptur besteht aus einem PU- Schaumstoff Kern und wurde dann mit einer Kunststeinmasse armiert. Die Farben sind mit Alkydharz fixiert um bestmögliche Wetterbeständigkeit zu erreichen.

Die Skulptur vor dem Gebäude war mit Sockel mehrere Meter hoch angedacht. In dem Fall wäre der Gockel natürlich mit einem entsprechenden Stahlunterbau versehen und auf einem Bodenfundament verankert worden.

Das Darksider Projekt

Der Mops, Diethard Sohn 2009
Der Mützentanz, Diethard Sohn 2013
Justicia, Diethard Sohn 2008
Die Versuchungen des heiligen Antonius, Diethard Sohn 2009

Müller & Sohn

Diethard Sohn arbeitet an unterschiedlichen künstlerischen Projekten. So gründete Sohn 2015 gemeinsam mit der Stuttgarter Künstlerin Irene Müller das Label Müller & Sohn.

Müller & Sohn versteht sich als ästhetisches Experimentier- und Forschungslabor im Spannungsfeld von Malerei, Bildhauerei, Fotografie und Videokunst. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Auseinandersetzung mit der Natur, ihrer Phänomene und der Veränderungen, die sie durch den Eingriff des Menschen erfährt. 

Müller & Sohn entwickeln künstlerisch-wissenschaftliche Instrumente, die sie als objekthafte Markierungen in der Natur einsetzen, um die visuelle Struktur von Landschaften zu verändern. Durch diese räumliche Neuinterpretation und deren multimediale Dokumentation schaffen Müller & Sohn Bilder von eindringlicher ästhetischer Stringenz.

Irene Müller, die als künstlerische Mitarbeiterin für Christoph Schlingensief tätig war, setzt dokumentarisches Foto- und Videomaterial in ein dynamisches Wechselspiel  mit Malerei. Diethard Sohn stellt die Verbindung zur Natur mittels der hyperrealistischen malerischen Wiedergabe seiner Motive her. Ihr steht gleichwertig seine ironischen Neuinterpretation des Kubismus im Zeichen einer Verbindung kubistischer Strukturen mit der Ästhetik und Farbgebung von Comic-Strips gegenüber. 

zur Website Müller & Sohn ..

Profil

Diethard Sohn

Bildender Künstler

2015 Gründung des Labels Müller & Sohn
Seit 2011 Gemeinschaftsatelier in Stuttgart mit Irene Müller
2004 – 2007 Arbeitsaufenthalt in Indonesien aufgrund der Einladung eines Mäzens
2003 – 2004 Gastdozent an der Merz Akademie Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien Stuttgart
1991 – 2004 Gastdozent an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart 
seit 1984 Frei schaffender Künstler, Malerei und Skulptur
1979 – 1983 Studium an der Merz Akademie Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien Stuttgart, Abschluss
*1961 in Köln am Rhein geboren

Ausstellungen

2019 Ausstellung der Künstlermitglieder im WKV – Stuttgart „Könnte aber doch“ unter dem Label Müller & Sohn.

2019 Kunstausstellung „Personal Structures“ im Kontext der 58. Biennale Venedig unter dem Label Müller & Sohn  (13. Mai – 24. November 2019).
2018 Ausstellung zum ersten Südwestdeutschem Kunstpreis Stiftung der KSK – Esslingen
Ausstellung Kunstpreis 2018: Die Welt … aus den Fugen geraten? 
EOS, art group exhibition, Sala Mazzone in Vittoria, Sizilien

2017 Donaueschinger Regionale, Müller & Sohn mit dem Projekt „WEGE – Alpen“, Gruppenausstellung juriert, Katalog
Württembergischer Kunstverein Stuttgart,  Präsenz, Kritik, Utopie / Müller & Sohn mit dem Projekt „Spurensuche“;  Gruppenausstellung, juriert
2016 Kunstverein Ludwigsburg,  Müller & Sohn mit dem Projekt „WEGE – Alpen“, Einzelausstellung juriert
Galerie Meinlschmidt Fine Art,  Summer Art Collection, Balingen, Gruppenausstellung
2015 Donaueschinger Regionale, Gruppenausstellung juriert, Katalog
Jahresausstellung Kunstverein Ludwigsburg

2014 Künstlermesse im Schloß Meersburg
Künstlermesse im Schloß Schwetzingen

2013Württembergischer Kunstverein Stuttgart, „Das Antlitz“, Gruppenausstellung
Gruppenausstellung: Art Leipzig – Festival für Zeitgenössische Kunst Leipzig 2013
Künstlermesse Thurn und Taxis Palais in Frankfurt
2011 Gruppenausstellung Dezemberschau, Galerie Amrei Heyne

2010 Württembergischer Kunstverein Stuttgart, Gruppenausstellung
Galerie Birkhofer, Gottenheim, Gruppenausstellung juriert
Dillmann Stiftung, Stuttgart, Gruppenausstellung, Galerie Strzelski

2009 Galerie Kunststoff, Wismar, Doppelausstellung
Gruppenausstellung: Leonberger Kunstnacht
Shanghai Art Fair Gruppenpräsentation auf der Kunstmesse in Shanghai

2008 In der Scheune Malerei und Skulptur von Hans Mendler und Diethard Sohn
2007 Einzelausstellung Kunstmuseum Dr. Krupp, Schloß Elkerhausen
Einzelausstellung Indonesien, dokumentarische Malerei, Kunsthaus Schill, Stuttgart
Galerie Durruti, Stuttgart, Gruppenausstellung

2006 Out of the Common Galeriehaus 42, Gerlingen
Einzelausstellungim Peak, Jakarta, Indonesien in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft
2005 Ausstellung im Peak, Bandung, Indonesien
2004 Tango, Contáme una Historia, Liederhalle Stuttgart, Bühnenbild
Art does IT Ausstellung auf der CeBIT, organisisiert vom Land Baden-Württemberg und BW-I
Galerie Durruti, Stuttgart, Gruppenausstellung
2003 Salon der Bar Sur, Stuttgart, Thema Tango, Einzelausstellung
Galerie Durruti, Stuttgart, Gruppenausstellung
1998 Große Hängung im Firmengebäude der caatoosee Ag, 1999 Ankauf der Werke durch den Inhaber
1997 Einzelausstellung Piazza, Stuttgart
1996 Einzelausstellung Volksbank Bietigheim
1995 Ausstellung in Leonberg, Ankauf des Gemäldes Der Sonntagsspaziergang durch die Stadt

Preise und Auszeichnungen

Publikumspreis beim 1. Südwestdeutschen Kunstpreis 2018, Kunststiftung der Kreissparkasse Esslingen

Öffentliche Ankäufe

Der Wächter, Kunstmuseum Dr. Krupp 2007
Der Sonntagsspaziergang, Stadt Leonberg 1995

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