Das Bild behauptet nicht, dass Recht unmittelbar bestechlich sei. Es thematisiert vielmehr eine subtilere Form der Käuflichkeit: den Umstand, dass der Zugang zur Justiz, die Dauer eines Verfahrens und die Möglichkeit, eigene Ansprüche durchzusetzen, wesentlich von finanziellen Mitteln abhängen können.
Werkbeschreibung
Zur Käuflichkeit der Justiz
Die Bildkomposition greift die klassische Ikonografie der Justitia auf und verkehrt sie in ein Bild gesellschaftlicher Schieflage. Statt aufrecht, verbunden und mit ausgewogener Waage erscheint die Figur erschöpft und hingegeben auf einem Ledersofa. Die Waage ist aus dem Gleichgewicht geraten, während die andere Hand Geldscheine umklammert. Gerechtigkeit erscheint dadurch nicht mehr als unabhängig und für alle gleichermaßen erreichbar, sondern als etwas, dessen Durchsetzung auch von finanziellen Möglichkeiten abhängt.
Mit dem Begriff der Käuflichkeit ist dabei nicht ausschließlich unmittelbare Korruption oder Bestechlichkeit gemeint. Das Bild verweist ebenso auf die hohen Kosten gerichtlicher Verfahren, anwaltlicher Vertretung und langwieriger Rechtsstreitigkeiten. Wer über erhebliche finanzielle Mittel verfügt, kann Risiken länger tragen, spezialisierte Beratung bezahlen und seine Interessen mit größerem Nachdruck verfolgen. Für Normalverdienende kann bereits die Aussicht auf hohe Prozesskosten dazu führen, berechtigte Ansprüche nicht weiterzuverfolgen.
Die über Sofa und Figur drapierte Deutschlandfahne verortet diese Kritik ausdrücklich im nationalen Kontext. Das Bild richtet sich nicht gegen die Idee des Rechtsstaates, sondern thematisiert die Kluft zwischen dem formalen Anspruch auf Gleichheit vor dem Gesetz und den tatsächlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen, unter denen Recht durchgesetzt werden kann.
Der intensive Rotton des Raumes verstärkt die Dringlichkeit der Darstellung. Die passive, beinahe entkräftete Haltung der Figur steht im scharfen Gegensatz zur erhobenen Waage und lässt Justitia als Institution erscheinen, deren Gleichgewicht unter ökonomischem Druck verloren zu gehen droht.
Diethard Sohn nutzt ein bewusst provokantes und überzeichnetes Bildvokabular, um die soziale Dimension von Recht sichtbar zu machen. Das Werk formuliert keine pauschale Behauptung, Urteile seien käuflich. Es stellt vielmehr die Frage, wie gerecht ein Rechtssystem sein kann, wenn nicht alle Menschen in gleichem Maße über die Mittel verfügen, ihr Recht tatsächlich einzufordern.