Eine alte, prophetisch anmutende Gestalt wird von einem albtraumhaften Gefolge aus historischen Dämonen und zivilisiert gekleideten Bestien bedrängt. Das Bild erscheint als Allegorie auf ein Böses, das nicht verschwindet, sondern in immer neuen und scheinbar respektablen Masken wiederkehrt.
Werkbeschreibung
Im Zentrum des Bildes kauert eine alte, weißhaarige Gestalt mit vollem Bart, gehüllt in eine schlichte braune Robe. Ihre Erscheinung erinnert an traditionelle Darstellungen eines Propheten, Eremiten oder Weisen. Mit weit aufgerissenen Augen und abwehrend erhobenen Händen scheint sie vor der bedrohlichen Ansammlung von Figuren zurückzuweichen, die sich halbkreisförmig um sie geschlossen hat.
Diese Entourage bildet ein albtraumhaftes Panoptikum aus Mensch-Tier-Hybriden, grotesken Körpern und historischen Anspielungen. Unmittelbar hinter dem Alten erscheint ein kaltgrünes Gesicht, dessen Physiognomie deutlich an Adolf Hitler erinnert. Daneben stehen eine nackte weibliche Figur und eine Gestalt mit breitkrempigem Hut. Auf der rechten Bildseite reihen sich Kreaturen mit reptilienhaften, insektoiden oder vogelartigen Zügen aneinander. Trotz ihrer deformierten Köpfe tragen sie Anzüge und Krawatten und erscheinen dadurch zugleich monströs und gesellschaftlich angepasst.
Am unteren Bildrand dringt ein skorpion- oder insektenartiges Wesen in die Szene ein. Links setzt eine affenähnliche Gestalt in bürgerlicher Kleidung das Motiv der vermenschlichten Bestie fort. Die Kreaturen wirken nicht wie Wesen aus einer fernen Fantasiewelt, sondern wie entlarvte Erscheinungsformen menschlicher Macht, Gier und Gewalt.
Der dunkle, zwischen Blau, Grün und Türkis changierende Bildraum verstärkt die klaustrophobische Atmosphäre. Es gibt keinen erkennbaren Ausweg und kaum räumliche Tiefe. Die Figuren drängen sich dicht um den Alten und verwandeln die Komposition in eine psychische Bedrängnisszene. Die zwischen realistischer Modellierung und comichafter Überzeichnung angesiedelte Malweise steigert den Eindruck eines Traumes, in dem menschliche und tierische Züge unauflöslich ineinander übergehen.
Inhaltlich lässt sich das Werk als Allegorie auf die Monster der Geschichte und der Gegenwart lesen. Die an Hitler erinnernde Figur verweist auf totalitäre Gewalt, Verführung und die historische Erfahrung des Nationalsozialismus. Die Tierwesen in Anzügen wiederum können als Sinnbilder für Machtfiguren verstanden werden, die hinter den äußeren Zeichen von Zivilisiertheit, Amt und gesellschaftlichem Rang ihre zerstörerischen Triebe verbergen.
Die zentrale Gestalt erscheint dabei als Mahner, Zeuge oder Verkörperung eines bedrohten Gewissens. Sie wird von den Dämonen der Vergangenheit und Gegenwart eingekreist, ohne sich ihnen entziehen zu können. Das Bild formuliert so ein bedrückendes Sinnbild für die Wiederkehr des Bösen: Es verschwindet nicht, sondern verändert seine Erscheinung und tritt immer wieder in neuen, bisweilen scheinbar respektablen Masken hervor.
Die Versuchungen des Heiligen Antonius
Acryl auf Leinwand
70 x 80 cm
2009