Der Newtonbiss

Zeichne so ein bisschen herum, denke an Goethe, denke an Newton und denke darüber nach in welchem Verhältnis Freiheit und Geduld zueinander stehen.

Und ich erinnere mich gerade an ein Gefühl, als ich am Gleis an einem Bahnhof stand und auf einen Nahverkehrszug wartete, der uns damals von dem Bahnhof, den wir mit einem Bus erreichten, in die Stadt brachte in der unser Gymnasium war.

Statt dem Zug, den ich erwartete bretterte ein Güterzug durch den Bahnhof. Ich erinnere mich genau an den Geruch nach Eisen und Asbest, und an den Wind, der meine damals langen und dichten Haare aufwirbelte. Ich erinnere mich auch an den Schauer, der mir in diesem Moment über den Rücken lief – Einsamkeit.

Und doch ja, in diesem Augenblick war da so ein Gefühl von Freiheit.

Goethe und das frisierte Mofa

Es war ein herrlicher Sommertag. Ich saß im Schatten einer großen Buche auf einer kurz gemähten Wiese und zeichnete Skizzen auf einem Block. Es muss im Jahr 1977 gewesen sein. Meine Haare waren lang und mein Mofa frisiert.

Da erschien eine Frau mit schwarz gelocktem Haar, einem großen goldenen Ohrring und einem orientalisch wirkendem Kleid, wie man es damals öfter sah. Sie setzte sich zu mir und interessierte sie sich für meine Zeichnung, die ich ihr zögernd zeigte. Nach längerer Betrachtung zog sie ein Buch aus ihrer Tasche und reichte es mir:

„Johannes Pawlik, Goethe Farbenlehre“.

Neugierig blätterte ich eine Seite nach der anderen durch. Sie beobachtete mich beim Blättern ihres Buches und meinte schliesslich: „Du kannst das Buch behalten“ .. „Wie?? Einfach so?“ erwiderte ich etwas erstaunt „Ja einfach so“ bestätigte sie, und fügte rasch hinzu: „ich schenke es dir. Nimm es! Bei dir ist es gut aufgehoben“.

Das Buch, war ein großartiges Geschenk. Es begleitet mich bis heute, und bis heute lese ich immer wieder darin.

Sicher, Goethe’s Beitrag zur Farbenlehre, den er selbst unter all seinem Schaffen besonders hervorhob, war nie unumstritten. Auch seine Polemik gegenüber Newton war geradezu grotesk. Für mich aber war dieses Buch der Einstieg in die Analyse der Farben, ihrer Tonwerte, Kontraste und ihrer Wirkung auf uns Menschen.

Titelbild: Goethe Farbenlehre Didaktischer Teil, Johannes Pawlik
Köln: DuMont 1974, Softcover