Gegen die
stumme Welt

Vom Gegenstand zum Gegenüber

„Das Bild ist Materie, die zu träumen beginnt.“

Diethard Sohn

Stuttgart · 2026

DIETHARD SOHN · KÜNSTLERISCHES PAMPHLET

Gegen die stumme Welt

Ich weigere mich, die sichtbare Wirklichkeit für das Letzte zu halten.

Als Kind, vielleicht sechs Jahre alt, hatte ich manchmal die Vorstellung, alles um mich herum sei ein Traum – nicht nur einzelne Ereignisse, sondern das ganze Leben: die Menschen, die Dinge, die Räume und die Zeit, in der wir uns bewegen.

Diese Vorstellung ist geblieben. Sie ist kein Glaubenssatz. Sie ist eine Unruhe, aus der meine Malerei hervorgeht.

Ich male aus dem Verdacht, dass die Wirklichkeit tiefer reicht als ihre sichtbare Oberfläche.

Warum erscheint das Zusammengehörige getrennt?

Vielleicht sind Materie, Energie, Raum und Zeit nicht letztlich getrennt. Vielleicht erscheinen sie uns nur als verschiedene Wirklichkeiten, weil wir innerhalb von ihnen existieren.

Wir können keinen Standpunkt außerhalb unseres Universums einnehmen. Unsere Existenz und unsere Wahrnehmung bleiben an Raum und Zeit gebunden. Deshalb erfahren wir die Wirklichkeit immer nur von einem Ort, aus einer Perspektive und in einem bestimmten Augenblick.

Wir erleben das Zusammengehörige als getrennt, weil wir das Ganze niemals von außen betrachten können.

Vielleicht ist nicht die Wirklichkeit getrennt, sondern unser Zugang zu ihr.

Wir sehen Körper im Raum. Wir erleben Veränderung in der Zeit. Wir unterscheiden zwischen dem, was Bestand hat, und dem, was wirkt. Wir nennen das eine Materie und das andere Energie. Doch vielleicht sind dies nur unterschiedliche Erscheinungsformen eines Zusammenhangs, den wir nicht als Ganzes wahrnehmen können.

Vielleicht ist die Trennung nicht das Gegenteil der Einheit, sondern die Form, in der Einheit für uns in Erscheinung tritt.

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DIETHARD SOHN · KÜNSTLERISCHES PAMPHLET

Die Malerei widersetzt sich der Trennung

Ein Bild beginnt als Fläche.

Auf dieser Fläche entstehen Figuren und Zwischenräume, Nähe und Ferne, Licht und Dunkel, Körper und Bewegung. Was zunächst nebeneinanderliegt, verbindet sich zu einer Welt.

Die Fläche bleibt Fläche und öffnet sich dennoch zum Raum. Das Bild zeigt seine Konstruktion und erzeugt zugleich Illusion. Wir wissen, dass wir Formen und Farben betrachten, und erleben dennoch Körper, Blicke, Räume und Ereignisse.

Die Raumillusion ist für mich keine bloße Täuschung. Sie ist der Augenblick, in dem die sichtbare Fläche eine Wirklichkeit hervorbringt, die materiell nicht vorhanden ist und dennoch als gegenwärtig erfahren wird.

Darin liegt für mich das Geheimnis der Malerei.

Sie bildet Wirklichkeit nicht einfach ab. Sie wiederholt den Vorgang, durch den Wirklichkeit überhaupt in Erscheinung treten könnte:

Aus Einheit wird Vielheit.

Aus Fläche wird Raum.

Aus Form wird Körper.

Aus Bewegung wird Zeit.

Aus Materie wird Erscheinung.

Das Bild ist Materie, die zu träumen beginnt.

Im Bild wird das Nacheinander gleichzeitig

Wir leben in der Zeit und erfahren die Welt deshalb nacheinander. Ein Augenblick verdrängt den vorherigen. Eine Ansicht folgt auf die andere. Erinnerung, Gegenwart und Erwartung bleiben voneinander getrennt.

Das Bild kann diese Ordnung durchbrechen. Auf einer einzigen Fläche können unterschiedliche Augenblicke, Perspektiven und Wirklichkeiten gleichzeitig erscheinen. Außenwelt und Innenwelt, Erinnerung und Gegenwart, Beobachtung und Vorstellung können sich überlagern.

Die Malerei hebt die Zeit nicht auf. Aber sie kann das Nacheinander für einen Augenblick in Gleichzeitigkeit verwandeln.

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DIETHARD SOHN · KÜNSTLERISCHES PAMPHLET

Comic und Kubismus sind Sprache, nicht Inhalt

Darin liegt für mich die Bedeutung der comic-kubistischen und kubistischen Mittel. Sie sind nicht der Inhalt meiner Kunst. Sie sind eine Sprache, mit der sich die Begrenzung auf einen einzigen Blick und einen einzigen Augenblick überwinden lässt.

Der Comic gibt mir die Freiheit der Verwandlung, der Verdichtung und der Überzeichnung. Das Kubistische erlaubt mir, verschiedene Ansichten und Wirklichkeiten ineinanderzuschieben. Die zunehmende Raumillusion verleiht diesen konstruierten Formen Körper und Gegenwart.

Das Zeichen wird zum Körper.

Die Fläche öffnet sich zum Raum.

Die Figur beginnt, uns anzusehen.

Das Porträt ist nicht an das menschliche Gesicht gebunden

Ich male Porträts. Doch für mich ist das Porträt nicht auf die Darstellung eines Menschen beschränkt.

Auch eine Quitte kann Individualität besitzen. Ein Tier kann zum Gegenüber werden. Ein Gegenstand kann Erinnerung tragen. Eine Gruppe kann einen gesellschaftlichen Zustand verkörpern. Eine Demonstration kann als kollektiver Organismus erscheinen. Die Freiheit kann Gestalt annehmen.

Ich male nicht allein, wie etwas aussieht. Mich interessiert, welche Gegenwart es entwickelt.

Im Einzelporträt verdichtet sich diese Gegenwart in einem Wesen. Im Gruppenbild entsteht sie zwischen den Figuren. Die Seele einer Konstellation gehört keinem Einzelnen. Sie zeigt sich in Blicken, Gesten, Abständen, Rollen, Konflikten und gemeinsamen Bewegungen.

„Café Künstlerbrot“, „Die Demo“ oder „Liberty“ sind deshalb ebenfalls Porträts: Porträts einer Gesellschaft, einer Situation oder einer wirkenden Idee.

Das Gegenüber muss kein Einzelwesen sein. Auch ein ganzes Bild kann uns gegenübertreten.

Vom Gegenstand zum Gegenüber

Ein Gegenstand ist etwas, das wir erkennen, einordnen oder benutzen. Ein Gegenüber entzieht sich unserer vollständigen Verfügung. Es besitzt eine eigene Präsenz und wirkt auf uns zurück.

Ich male den Augenblick, in dem etwas aufhört, bloß Gegenstand zu sein.

Die Malerei fügt den Dingen nicht einfach eine Seele hinzu. Sie stellt die Frage, ob das, was wir für stumm und unbewegt halten, nicht bereits eine verborgene Wirksamkeit besitzt.

Vielleicht ist Beseelung deshalb keine Eigenschaft, die einem einzelnen Objekt gehört. Vielleicht entsteht sie in der Beziehung: zwischen Figur und Raum, zwischen den Figuren eines Bildes, zwischen sichtbarer Form und innerer Vorstellung – und schließlich zwischen Bild und Betrachter.

Das Gegenüber entsteht dort, wo Betrachtung zur Begegnung wird.

Ich male keine Antwort

Ich weiß nicht, ob die sichtbare Welt Ausdruck einer tieferen, schöpferischen Bewusstheit ist.

Ich weiß nicht, ob Materie, Energie, Raum und Zeit aus einem gemeinsamen Ursprung hervorgehen.

Ich weiß nicht, ob die Welt, die wir für wirklich halten, nur eine von unserem Bewusstsein erfahrbare Erscheinung einer umfassenderen Wirklichkeit ist.

Aber ich halte diese Fragen offen.

Meine Malerei soll keine metaphysische Lehre illustrieren. Sie soll keine Gewissheit vortäuschen, die ich nicht besitze. Sie ist ein Versuch, der sichtbaren Welt so lange zu begegnen, bis ihre scheinbare Eindeutigkeit brüchig wird.

Dann kann eine Frucht zum Wesen werden.

Eine Figur kann zugleich Körper und Zeichen sein.

Eine Gruppe kann eine gemeinsame Seele entwickeln.

Ein gemalter Raum kann wirklicher erscheinen als der Raum, in dem wir stehen.

Das Bild wird zur Schwelle zwischen äußerer Wahrnehmung und innerer Wirklichkeit.

Mein Bekenntnis zur Malerei

Ich male, weil mir die sichtbare Welt nicht genügt.

Ich male, weil ich in den Dingen mehr vermute als ihre Funktion.

Ich male, weil ich erfahren möchte, was hinter der äußeren Erscheinung liegt.

Ich male gegen die Vorstellung einer stummen, toten und vollständig erklärbaren Materie.

Ich male, um Trennungen durchlässig zu machen: zwischen Fläche und Raum, Zeichen und Körper, Gegenstand und Wesen, Traum und Wirklichkeit.

Gegen die stumme Welt ·

DIETHARD SOHN · KÜNSTLERISCHES PAMPHLET

Vielleicht kann das Bild für einen Augenblick zeigen,
was wir im Leben nicht als Ganzes sehen können.

Vielleicht liegt hinter der Vielheit eine Einheit.

Vielleicht ist die Welt selbst noch nicht zu Ende geträumt.

„Das Bild ist Materie,
die zu träumen beginnt.“

Diethard Sohn · 2026