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Maltafel

## Die Maltafel – vom Handwerk der Alten Meister zur zeitgenössischen Malerei

Die Malerei auf Holz gehört zu den ältesten erhaltenen Formen beweglicher Bildkunst. Bereits die ägyptischen Mumienporträts der römischen Kaiserzeit wurden mit Wachsfarben oder Tempera auf dünne Holztafeln gemalt. In den byzantinischen Ikonen erhielt die Tafel eine besondere Bedeutung: Sie war nicht nur Bildträger, sondern ein materieller Ort der Vergegenwärtigung. Das gemalte Bild sollte das Dargestellte nicht lediglich abbilden, sondern ihm eine dauerhafte, beinahe körperliche Präsenz verleihen.

Im europäischen Mittelalter wurde die Holztafel zum bevorzugten Träger für Altäre, Andachtsbilder, bemalte Kreuze und mehrteilige Polyptychen. Dabei war die Wahl des Holzes regional verschieden. In Italien wurde vor allem Pappel verwendet, während in den Niederlanden und in Teilen Deutschlands Eichenholz verbreitet war. Die Tafeln bestanden häufig aus mehreren sorgfältig verbundenen Brettern und konnten gemeinsam mit geschnitzten Rahmen, Bekrönungen und Predellen komplexe architektonische Gebilde bilden. Die Getty-Forschung zur historischen Tafelherstellung beschreibt solche Bildträger deshalb treffend als handwerklich und konstruktiv eigenständige Kunstwerke. [Getty Conservation Institute – historische Tafelherstellung](https://www.getty.edu/conservation/publications_resources/pdf_publications/pdf/panelpaintings2.pdf)

### Cennini und das Wissen der Werkstätten

Eine der wichtigsten Quellen zur spätmittelalterlichen und frührenaissancezeitlichen Maltechnik ist Cennino Cenninis um 1400 entstandenes *Libro dell’arte*. Das Werk hält das Erfahrungswissen der italienischen Malerwerkstätten fest und beschreibt den langen Weg von der Auswahl des Holzes über Leimung, Gewebeauflage und Kreidegrund bis zu Vergoldung und Temperamalerei.

Cennini beginnt seine Ausführungen zur Tafelmalerei mit der Beschaffenheit des Trägers. Seine bis heute gültige Forderung lautet:

> **„Fa’ che il legname sia ben secco.“**
> *Sorge dafür, dass das Holz gut trocken sei.*

Er empfiehlt unter anderem Pappel, Linde und Weide und mahnt dazu, Äste, Fettstellen, Nägel und andere Fehlstellen sorgfältig zu behandeln. [Cennino Cennini, *Il libro dell’arte*, Kapitel 113](https://it.wikisource.org/wiki/Pagina%3ACennini_-_Il_libro_dell%27arte%2C_1859.djvu/113)

Diese scheinbar nüchternen Hinweise zeigen, dass die Tafelmalerei lange vor dem ersten Farbauftrag beginnt. Die materielle Vorbereitung war kein nebensächlicher Hilfsvorgang, sondern ein wesentlicher Bestandteil der künstlerischen Arbeit. Das Bild musste buchstäblich aufgebaut werden.

Auf das vorbereitete Holz folgten eine Leimung und häufig eine textile Zwischenlage. Darüber wurden mehrere Schichten aus gröberem und anschließend feinerem Gesso aufgetragen. Dieser aus tierischem Leim und mineralischen Füllstoffen bestehende Grund wurde geglättet und geschliffen, bis eine helle, nahezu elfenbeinartige Oberfläche entstand. Historische Untersuchungen zeigen, dass Gewebe und Kreidegrund teilweise über Bildfläche und Rahmen hinweggeführt wurden und beide zu einer materiellen Einheit verbanden. [Getty Conservation Institute – Grundierung historischer Tafeln](https://www.getty.edu/conservation/publications_resources/pdf_publications/pdf/panelpaintings2.pdf)

### Licht aus der Tiefe

Auf dem weißen Kreidegrund wurden Vergoldungen, Vorzeichnungen und schließlich die Farbschichten angelegt. Besonders die Eitempera verband sich eng mit der Maltafel. Ihre schnell trocknenden, dünnen Schichten ermöglichten eine präzise Modellierung, feinste Linien und eine außergewöhnlich klare Farbigkeit.

Die Leuchtkraft historischer Temperabilder entsteht nicht allein durch die Pigmente. Licht dringt durch die dünnen Farbschichten und wird vom hellen Grund zurückgeworfen. Die Farbe scheint deshalb nicht nur auf der Oberfläche zu liegen, sondern aus der Tiefe des Bildes hervorzutreten. Die National Galleries of Scotland beschreiben den weißen Gessogrund entsprechend als eine Grundlage, die durch die Temperaschichten hindurchscheinen und ihnen ihre besondere Luminosität verleihen kann. [National Galleries of Scotland – Tempera](https://www.nationalgalleries.org/art-and-artists/glossary-terms/tempera)

### Von der Tempera zur Ölmalerei

Im 15. Jahrhundert veränderte sich die Tafelmalerei. Neben der Eitempera wurden zunehmend ölgebundene Farben eingesetzt. Künstler kombinierten zunächst beide Techniken: Temperaschichten konnten mit ölhaltigen Lasuren überarbeitet werden. Die langsamere Trocknung der Ölfarbe ermöglichte weichere Übergänge, transparente Tiefen und eine neue Darstellung von Stofflichkeit, Licht und Raum.

Die Holztafel blieb dabei weiterhin ein bedeutender Bildträger. Werke von Duccio, Fra Angelico, Piero della Francesca, Botticelli, Leonardo da Vinci oder den Brüdern van Eyck zeigen, wie unterschiedlich ihre Oberfläche genutzt werden konnte – vom leuchtenden Goldgrund bis zur vollkommenen Raumillusion. Piero della Francescas *Taufe Christi* entstand beispielsweise noch im 15. Jahrhundert in Eitempera auf Pappelholz. [National Gallery – Piero della Francesca](https://www.nationalgallery.org.uk/paintings/piero-della-francesca-the-baptism-of-christ)

Seit dem 16. Jahrhundert wurde die Holztafel zunehmend von der Leinwand verdrängt. Besonders bei großformatigen Gemälden war das Gewebe leichter, transportabler und weniger aufwendig zu bearbeiten. Dennoch verschwand die Maltafel nie vollständig. Gerade für kleinere, fein ausgeführte Werke, Porträts und detailreiche Darstellungen blieb ihre glatte, widerstandsfähige Oberfläche attraktiv. Um 1900 erlebten Temperamalerei und traditionelle Tafeltechniken eine bewusste Wiederentdeckung. [National Galleries of Scotland – Wiederbelebung der Temperamalerei](https://www.nationalgalleries.org/art-and-artists/glossary-terms/tempera)

### Tradition als gegenwärtige Entscheidung

Die heutige Maltafel ist keine bloße Nachahmung eines historischen Bildträgers. Moderne Werkstoffe können die überlieferte Konstruktion sinnvoll weiterentwickeln. Birken-Multiplex ersetzt das empfindlichere massive Brett; langfaseriges Kozo-Papier übernimmt die stabilisierende Funktion der historischen Gewebeauflage. Leimung, mineralischer Kreidegrund und sorgfältiger Schliff bewahren dagegen wesentliche Prinzipien der alten Technik.

So entsteht eine Oberfläche, die zugleich fest und empfindsam ist: ruhig, hell, fein saugend und geeignet für deckende Farbschichten ebenso wie für transparente Lasuren. Jeder Schritt – vom Holz über die Kaschierung bis zum letzten Schliff – beeinflusst die spätere Bildwirkung.

In meinen Quittenporträts wird diese Tradition nicht rekonstruiert, sondern fortgeführt. Der klassische Aufbau der Maltafel begegnet einem zeitgenössischen Motiv. Die vollkommen geglättete Fläche wird zum Ausgangspunkt für Körper, Raum, Licht und Illusion.

> **Die Maltafel ist nicht nur der Untergrund des Bildes. Sie ist seine erste Schicht – und der materielle Grund seiner Erscheinung.**

A T E L I E R B R I E F

Neuigkeiten aus dem Atelier

Ich informiere in unregelmäßigen Abständen über neue Arbeiten, Ausstellungen, Seminare und besondere Projekte.