[wpcode id="17606"]

Farbe, Licht und die Kunst der Emulsion

Deckende und transparente Schichten erzeugen klare Farbigkeit, Tiefe und eine fein kontrollierte Modellierung.

Eitempera gehört zu den ältesten und zugleich wandlungsfähigsten Techniken der Tafelmalerei. Der Begriff bezeichnet allerdings kein einziges verbindliches Rezept. Unter „Tempera“ wurden zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedliche wasserverdünnbare Bindemittel und Emulsionen verstanden. Neben reiner Eigelbtempera existieren Volleitempera, Eiweißtempera, Ei-Öl-Emulsionen sowie sogenannte fette Tempera. Auch Leim-, Gummi- und Kaseinfarben wurden historisch zur großen Familie der Temperafarben gerechnet.

Kurt Wehlte unterscheidet in seinem Standardwerk Werkstoffe und Techniken der Malerei deshalb zwischen „natürlicher Eiemulsion“, „künstlicher Eiemulsion“, Gummi-, Leim-, Stärke-, Kasein- und Öltempera. Bereits diese Einteilung zeigt: Tempera ist weniger ein einzelnes Material als ein System unterschiedlicher Bindemittel und Malweisen. Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei

Reine Eigelbtempera

Die ursprünglichste Form der Eitempera besteht aus Eigelb, Wasser und Pigment. Das Eigelb ist selbst bereits eine natürliche Emulsion: Es enthält Wasser, Eiweißstoffe und Fette, die durch Lecithin miteinander verbunden werden. Durch die Verdünnung mit Wasser entsteht ein feines, gut steuerbares Bindemittel.

Als „mager“ wird diese Tempera bezeichnet, weil ihr kein zusätzliches trocknendes Öl oder Harz zugesetzt wird. Fettfrei ist sie deshalb nicht – die natürlichen Lipide des Eigelbs bleiben Bestandteil der Farbe.

Reine Eigelbtempera trocknet schnell. Sie erlaubt nur begrenzt das weiche Ineinanderreiben nasser Farbtöne, wie man es aus der Ölmalerei kennt. Körper und Raum entstehen stattdessen durch die Folge vieler bewusst gesetzter Striche und dünner Farbschichten. Transparente Lagen lassen Licht aus dem hellen Malgrund zurückscheinen; deckendere Schichten setzen Körper, Konturen und Lichter.

Die Farbe gewinnt ihre Tiefe nicht durch Dicke, sondern durch die Beziehung ihrer Schichten.

Ein zu hoher Eigelbanteil kann die Oberfläche glänzend, spröde oder für nachfolgende Schichten schlecht benetzbar machen. Die Ikonenmalerin Katherine Sanders beschreibt die einfachste Emulsion als „plain egg yolk with a little water“, weist aber zugleich darauf hin, wie viel Erfahrung das richtige Verhältnis von Emulsion, Pigment und Wasser verlangt. Katherine Sanders: Techniken der Ikonenmalerei

Volleitempera und Eiweißtempera

Bei der Volleitempera werden Eigelb und Eiweiß gemeinsam verwendet. Das zusätzliche Eiweiß verändert Fluss, Bindekraft und Oberflächenwirkung. Die Farbe wirkt häufig etwas magerer und straffer als reine Eigelbtempera. Je nach Pigment, Verdünnung und Malgrund kann sie matt bis leicht seidig auftrocknen.

Reines Eiweiß – auch als Glair bezeichnet – wurde besonders in der Buchmalerei, für feine Verzierungen und einzelne Lichter eingesetzt. Es bildet einen vergleichsweise harten und mitunter glänzenden Film, eignet sich aber weniger für den vollständigen Aufbau einer vielschichtigen Tafelmalerei.

Ei-Öl-Tempera und tempera grassa

Die sogenannte fette Tempera heißt italienisch tempera grassa. Ihr wird zusätzlich ein trocknendes Öl, gelegentlich auch ein Harzfirnis, beigegeben. Eigelb oder Vollei übernehmen dabei die Rolle des Emulgators und verbinden die wässrigen mit den öligen Bestandteilen.

Mit steigendem Ölanteil wird die Farbe geschmeidiger. Sie trocknet langsamer, lässt sich länger vertreiben und ermöglicht weichere Übergänge. Gleichzeitig nimmt die Oberfläche einen satteren, teilweise glänzenderen Charakter an. Die Malweise nähert sich schrittweise der Ölmalerei, bleibt aber – solange die Emulsion stabil ist – mit Wasser verdünnbar.

Tempera grassa bezeichnet kein festgelegtes historisches Rezept. Unter diesem Namen wurden sehr unterschiedliche Mischungen aus Ei, Wasser, trocknenden Ölen, Harzen, Wachsen oder Seifen verwendet. Gerade im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche Temperasysteme, mit denen Künstler die Leuchtkraft und schnelle Trocknung wässriger Farben mit der Geschmeidigkeit der Ölmalerei verbinden wollten. Eine kunsttechnologische Studie zeigt, wie weit der Begriff „Tempera“ damals gefasst wurde und wie unterschiedlich die angebotenen Mischungen zusammengesetzt waren. Tempera Painting 1800–1950: Experiment and Innovation

Max Doerner begegnete der wachsenden Zahl komplizierter Temperarezepte mit deutlicher Skepsis:

„Eine Emulsion soll einfach in der Zusammensetzung sein.“

Unübersichtliche Mischungen aus Ölen, Harzen, Glycerin und weiteren Zusätzen konnten zwar zunächst angenehm zu vermalen sein, langfristig aber zu instabilen oder schwer berechenbaren Farbschichten führen. Doerners Forderung nach Einfachheit ist deshalb bis heute aktuell: Jede Zutat verändert Trocknung, Glanz, Elastizität, Haftung und Alterungsverhalten. Max Doerner: Malmaterial und seine Verwendung im Bilde, 1922

Eitempera in der Ikonenmalerei

In der byzantinischen und orthodoxen Ikonenmalerei blieb die reine Eigelbtempera über Jahrhunderte lebendig. Fein gemahlene Pigmente werden mit sorgfältig vorbereitetem Eigelb verbunden und auf einen hellen, saugenden Kreidegrund aufgetragen. Eine Veröffentlichung der Orthodox Church in America beschreibt entsprechend, wie mineralische Pigmente fein gemahlen und anschließend mit vorbereitetem Eigelb vermischt werden. Orthodox Church in America: Materialien der Ikonenmalerei

Auch innerhalb der Ikonentraditionen gibt es kein einziges, überall verbindliches Rezept. Manche Ikonenmalerinnen und Ikonenmaler verdünnen das Eigelb ausschließlich mit Wasser. Andere verwenden Wein, Essig oder geringe Mengen Alkohol. Entscheidend ist nicht der Zusatz als solcher, sondern die Beherrschung der Emulsion und der aufeinanderfolgenden Farbschichten.

Die typische Leuchtkraft vieler Ikonen entsteht aus der Verbindung von hellem Grund, transparenten Farblagen und zunehmend helleren Modellierungen. Das Licht wird nicht nur auf die Oberfläche gesetzt. Es scheint aus dem schrittweisen Aufbau der Farbe hervorzutreten.

Meine Arbeit mit Eitempera

Für meine Quittenporträts arbeite ich bewusst mit einer reduzierten Form der Eitempera: mit reinem Eigelb und destilliertem Wasser. Auf dem sorgfältig aufgebauten, mineralischen Kreidegrund lassen sich die Pigmente in deckenden, halbdeckenden und transparenten Schichten führen.

Schatten, Lasuren, Blattadern, Flecken und Verletzungen werden nicht als äußerliche Details hinzugefügt. Sie entstehen innerhalb eines langsamen Bildaufbaus, in dem jede Schicht auf die vorherige reagiert. Die schnelle Trocknung der Tempera ermöglicht klare Entscheidungen; ihre Transparenz lässt frühere Zustände des Bildes durch die späteren hindurchwirken.

So verbindet die Eitempera Präzision und Offenheit. Sie kann eine Kontur scharf bestimmen und zugleich einen Übergang aus zahlreichen kaum sichtbaren Farbhäuten entstehen lassen. Auf diese Weise gewinnt die gemalte Frucht Körper, Raum und eine beinahe menschliche Gegenwart.

Eitempera ist für mich keine historische Effekttechnik. Sie ist eine Malweise des kontrollierten Lichts.